In einem Ausspruch des Propheten Muhammad (SWS), der bei Ahmad überliefert und laut Imam Al-Nawawi als authentisch eingestuft wurde, heißt es in der ungefähren Übersetzung: 

Tariq ibn Shihab berichtet: Ein Mann fragte den Gesandten Allahs (SWS): „Was ist der beste Jihad?“ Der Prophet (SWS) antwortete: „Ein wahres Wort vor einem tyrannischen Herrscher.“

Vor einem ungerechten Herrscher, der einem mit Gewalt, Folter oder Tod droht, ist es schwer, an der Wahrheit festzuhalten. Es benötigt einerseits viel Wissen, um die Wahrheit zu erkennen und diese von der Falschheit unterscheiden zu können. Andererseits braucht es vor allem auch eine tief verankerte Gottesfurcht, um selbst im Angesicht des möglichen Todes, die Wahrheit zu sprechen und an ihr festzuhalten.

Ein Beispiel dafür ist die Hinrichtung von Sa’id ibn Jubair:
Der Gelehrte Sa’id ibn Jubair wurde im Jahre 46 der Hijra (665 n.Chr.) geboren. Er lernte unter anderem von den Prophetengefährten ibn Abbas und ibn Umar und galt als einer der führenden Gelehrten seiner Zeit. Neben dem Überliefern von Prophetenaussprüchen war er zudem für sein rechtliches Wissen, seine Qur’an-Erläuterung und seine gottesdienstlichen Handlungen bekannt. So wird von Khasif berichtet:

„Von den Wissendsten der Tabi’in (Generation nach den Prophetengefährten) in Bezug auf die Scheidung war Sa’id ibn Al-Musib, in Bezug auf die Pilgerfahrt ‘Ata, in Bezug auf Halal und Haram Tawus und in Bezug auf die Qur’an-Erläuterung Mujahid bin Jabar. Und Sa’id bin Jubair vereinigte sie (bezogen auf sein Wissen) alle zusammen in seiner Person.“

Auch wird über Sa’id ibn Jubair berichtet, dass er den gesamten Qur’an in zwei Nächten zu rezitieren pflegte, außer wenn er krank oder verreist war.

In einem Dialog mit Al-Hajjaj ibn Yusuf, welcher zu jener Zeit Statthalter des Kalifen im Irak, Khorasan (Gebiet in Zentralasien) und Sistan (südwestliches Afghanistan) war, zeigte sich die große Taqwa (Gottesfurcht), Standhaftigkeit und Weisheit Sa’id ibn Jubair’s gegenüber einem unrechten Herrscher. Al-Hajjaj hat zum einen die Münzprägung im islamischen Reich, sowie die einheitliche Schriftweise in der Qur’an-Abschrift vorangetrieben. Zudem hat er die Eröffnungen für das Kalifat bis ins heutige Pakistan gebracht. Andererseits galt er auch als brutaler und tyrannischer Herrscher, der viele Menschen einsperren, foltern und auch einige Gelehrte töten ließ. Er wird von einigen Geschichtsschreibern, gerade zu seinem Lebensende, als verrückt eingestuft. Der hier aufgeführte Dialog zeigt das Gespräch zwischen Al-Hajjaj und ibn Jubair kurz vor dessen Hinrichtung: 

Al-Hajjaj: „Bei Allah, ich werde deine Dunja (Diesseits) mit einem lodernden Feuer ersetzen.“

Sa’id: „Würde ich annehmen, dass du dazu in der Lage bist, würde ich dich als Gott akzeptieren.“

Al-Hajjaj: „Ich besitze Gold und Vermögen!“

Daraufhin wurden auf Al-Hajjaj’s Befehl hin Säcke voll Gold und Silber gebracht. Diese wurden vor Sa’id’s Füßen ausgebreitet, um ihn zu beeindrucken.

Sa’id: „Oh Hajjaj, du sammelst dies um gesehen und gehört zu werden, und um zu prahlen. Auch willst du damit andere von Allahs Weg abhalten. Doch bei Allah, es wird dir gegen Ihn in keinster Weise zur Verfügung stehen.“

Nach diesen Worten wandte er sich in Richtung der Qiblah (Gebetsrichtung). Al-Hajjaj befahl daraufhin: „Nehmt ihn und dreht ihn von der Qiblah weg. Oh Sa’id ibn Jubair, ich werde dich in einer Weise töten, wie ich noch niemanden zuvor tötete!“

Sa’id: „Oh Hajjaj, such dir jene Art des Tötens aus, die du möchtest. Bei Allah, du wirst mich nicht töten, außer das Allah dich mit einer ähnlichen Art töten wird, so entscheide selbst, welche Art des Tötens du bevorzugst.“

Da Sa‘id sich wieder in Richtung der Qiblah wandte, befahl er erzürnt erneut, dass er ein weiteres Mal von dieser weggedreht werden soll. Sa’id rezitierte daraufhin aus dem edlen Qur’an:

„…wohin ihr euch auch immer wendet, dort ist Allahs Angesicht.“
(Sure 2, Vers 115)

Al-Hajjaj erzürnte daraufhin noch mehr und befahl: „Bringt ihn unter die Erde!“

Sa‘id rezitierte daraufhin ein weiteres Mal aus dem Qur’an:

„Aus ihr haben Wir euch erschaffen, und in sie bringen Wir euch zurück, und aus ihr bringen Wir euch ein anderes Mal hervor.“ (Sure 20, Vers 55) 

Dies brachte Al-Hajjaj in endgültige Rage, sodass er die Tötung Sa’id ibn Al-Jubairs befahl. Sa’id wurde im Monat Shaban im Jahre 95 der Hijra (714 n. Chr.) zum Märtyrer. Möge Allah seiner Seele gnädig sein.