Nur 70 Jahre nach dem großen Ende des Faschismus in Europa sehen wir genau hier, dass radikale Strömungen, die ganz klar faschistische Erscheinungsformen mit sich bringen, einen ungeahnten Aufstieg erleben. Die AfD in Deutschland, Marine Le Pen in Frankreich, Wilders in den Niederlanden, aber auch Italien, Großbritannien und viele weitere Länder sind davon betroffen. Insbesondere scheint diese Stimmung in breiten Teilen der Gesellschaften dieser Länder Anklang zu finden.

Dieser Rechtsruck ist von vielen Wünschen und Ideen geprägt, aber eine ist wirklich hervorstechend und man sollte sie genauer betrachten: Abschottung. Diese Idee ist so markant für diese Bewegungen, weil sie ihren Aufwind mit herbeiführte. Die Menschen in Europa sahen ihren Wunsch, sich von allem Fremden abzuwenden, vor der Verwirklichung. Abschottung sei das Rezept zum Erfolg. Man dachte also, man wäre ohne „die Anderen“, „die Fremden“ besser dran.

Als Beleg für diese These werden dann historische Erfolge aufgezählt und man versucht, diese damit zu begründen, dass die damals ganz normale Abschottung der Grund und die Ursache für diese Erfolge war. Als Beispiel: Um den Euro steht es nicht gut, einige Länder müssen mit Sparpaketen gerettet werden, unter anderem zu Lasten Deutschlands. Früher hingegen sei Deutschland wirtschaftlich viel stabiler gewesen. Der Grund dafür sei, dass man eine eigene Währung hatte, die nicht von anderen Ländern abhängig war. Wenn man zu einer nationalen Währung zurückkehren würde, sprich sich finanziell einer gewissen Abschottung unterziehen würde, würde es Deutschland auch wieder besser gehen.

Unabhängig davon, ob die einzelnen Diagnosen historisch richtig oder falsch sind, vermittelt diese Abschottungsstrategie mit Referenz auf die Geschichte eine Einstellung, die an der Realität völlig vorbeiläuft. Denn sie vermittelt die Idee, dass vor nicht allzu langer Zeit die europäischen Länder noch nationale Staaten waren, die in völliger Abschottung zu ihrem Reichtum gekommen sind, doch dann hat sich die Globalisierung eingeschlichen, die nun versucht, vom Erfolg des eigenen Landes zu zehren. Kurzum: Früher war jeder seines eigenen Glückes Schmied, jedes Land war für sein eigenes Wohl verantwortlich und wir haben es eben geschafft, erfolgreich aus eigener Hand zu sein und haben es somit verdient, ein Industrieland zu sein. Die anderen sind dann aber eben, nach dieser Logik, auch selbst Schuld an ihrer Armut und ihrem Misserfolg.

Rüttelt man an diesem Geschichtsverständnis, rüttelt man an einem ideologischen Grundverständnis dieser rechten Bewegungen. Dies wollen wir nun tun, denn dieses Geschichtsbild ist eine völlige Verdrehung der historischen Realität. Richtig ist, dass durch die Absage, die man nach dem Mittelalter der Kirche erteilt hat, es zu einem großen Umschwung kam. Stück für Stück setzten sich andere Ideen und Betrachtungsweisen auf das Leben durch, so kam es zu einem technologischen Fortschritt. Doch dadurch allein setzte sich Europa weder als Weltmacht durch, noch konnten sie so ihren Reichtum vollständig generieren. Vielmehr gab es eine parallele Expansion Europas und ein gnadenloses Aufteilen der Welt, was spätestens mit der „Entdeckung“ Amerikas durch Kolumbus begann und schon Ende des 19. Jahrhundert mit der fast vollständigen Aufteilung der Welt endete.

In der Zwischenzeit hat man die kolonialisierten Länder auf barbarische Weise unterworfen, ausgeraubt und ermordet. Beispiel: Kolumbus entdeckte 1492 Amerika, nach offiziellen(!) Schätzungen gab es zu der Zeit knapp 60 Millionen Indianer in Nord- und Südamerika. Knapp hundert Jahre später waren es, wieder nach offiziellen Schätzungen, noch knapp sechs Millionen. Knapp 90% wurden umgebracht, ihr Land und ihr Reichtum in Beschlag genommen und somit fast eine ganze Bevölkerung zunichte gemacht. Zum Vergleich: Allein dies ist schon ein Vielfaches von der Anzahl der im zweiten Weltkrieg getöteten Juden. Mit den anderen europäischen Ländern und ihren Kolonien sah es nicht besser aus.

Im Gegensatz zur faschistischen Zeit wurde dies in Europa aber nie wirklich aufgearbeitet. Folglich hat man kein generelles öffentliches Bewusstsein über die Tatsache, dass ein Großteil des Erfolges und des Reichtums der europäischen Nationen nicht aus eigener Hand kam, man hat es nicht durch Abschottung selbst geschafft, sich aufzubauen und „die Anderen“ haben auch kein generelles Problem mit Armut gehabt. Vielmehr war es der brutale Einfluss, den die europäischen Nationen auf die globale Welt hatten.

Hätte man in Europa dieses Geschichtsverständnis und gäbe es über diese Zeit eine generell reflektierte Haltung seitens der Gesellschaft, wie es beim Faschismus der Fall ist, dann wäre ein Aufstieg rechter Gesinnung, wie wir ihn heute haben, wohl kaum möglich. Man würde „die Anderen“ nicht als besonders gefährlich betrachten, man würde wissen, dass der eigene Reichtum sich nicht aus eigener Anstrengung eingestellt hat und vor allem würde man sich in Europa gegenüber dem Islam nicht aufführen, als wäre man die absolut moralisch überlegene Instanz.