Ein Jahr ist es jetzt schon her, die skandalöse Nacht von Köln. Und sie war wirklich skandalös. Sexuelle Übergriffe rund um den Kölner Hauptbahnhof, die Polizei griff nicht ein, vermutlich, da sie gegen die große Anzahl an Tätern nichts hätte ausrichten können, die Sicherheitsleute genauso, die Medien berichteten erst gar nicht über die Vergehen und später nur verhalten. Und die Täter? Arabischer und Nordafrikanischer Herkunft, Flüchtlinge!

Eine Debatte entfachte sich über die Kultur der Flüchtlinge, über den Islam und über ihre Haltung gegenüber Frauen. Alice Schwarzer vermutete dahinter gar ein geplanten Angriff des IS, Julia Klöckner (CDU) verband es hingegen mit „muslimischen Männlichkeitsnormen“ und Bundesjustizminister Heiko Maas sah dies als einen deutlichen „Zivilisationsbruch“.

Die darauffolgenden Monate waren von einer Kampagne gegen Flüchtlinge und gegen den Islam als Kultur geprägt. Das Asylrecht wurde verschärft und viele Parteien sprangen auf den Zug der rechten Populisten mit auf und forderten beispielsweise immer vehementer eine „Obergrenze“ für Einwanderungen. Auch das Polizeiaufgebot hat sich deutlich vergrößert, so sollen dieses Jahr knapp zehn mal mehr Landespolizisten an der Kölner Domplatte stationiert gewesen sein, als noch letztes Jahr.

Rückblick und Faktencheck

Mit ein wenig Distanz lassen sich Dinge bekanntlich besser beurteilen. Was haben wir über die vergangene Kölner Silvesternacht also innerhalb eines Jahres an Wissen dazugewonnen? Hier die offiziellen Fakten:

1. Verschwörungstheorien, wie sie wie oben beschrieben Alice Schwarzer vertreten hat, wurden widerlegt. Es ist nicht klar, ob es an dem Abend auch organisierte Gewalt gab, wenn es diese aber gab, dann nicht von mysteriösen islamischen Flüchtlingsorganisationen, die das Land unterwandern wollten, sondern von Taschendieben, die sexuelle Provokation und „Antänzeln“ als Methode zur Ablenkung benutzten. Der Rest der Täter wurde als stark alkoholisiert und „völlig enthemmt“ beschrieben, also weder organisiertes noch islamisches Verhalten.

2. Es kam nicht zu mehr verurteilten Delikten als bei anderen Festen dieser Größenordnung auch. Es wurden zwar 330 Strafverfahren eingeleitet, allerdings wurde nur in 30 Fällen eine Verurteilung gesprochen, davon waren gerade mal 3 (!) Sexualdelikte. Dies lag natürlich auch daran, dass viele Täter im nachhinein nicht mehr identifiziert werden konnten, der überwiegende Rest der Strafanzeigen waren aber kleinkrimineller Diebstahl und ähnliches, welche überwiegend mit Geld- und Bewährungsstrafen geahndet wurden.

3. Es gab einen Hang dazu, nach medialer Veröffentlichung des sogenannten Skandals in besagter Nacht, auf den Zug aufzuspringen und unbegründete Strafanzeigen zu erstatten. Warum Menschen so etwas tun, darüber kann man nur spekulieren, doch ist dies eher eine Verhöhnung der wahren Opfer und behindert die Polizei in ihren Ermittlungen. Darunter gab es allerdings auch solche, die sich durch die mediale Berichterstattung erst ermutigt gefühlt haben, ihren Fall an die Polizei heranzutragen. Diesen Effekt gibt es bei Veranstaltungen ähnlicher Größenordnung, wie dem Karneval, so gut wie nie.

Klar ist, die Situation geriet außer Kontrolle. Klar ist aber auch, dass diese Nacht dazu hochstilisiert wurde, um fremdenfeindliche Ressentiments zu bestärken und Gesetze zu verschärfen. Auch wird jede positive Haltung gegenüber Flüchtlingen seitens der Mehrheitsgesellschaft, die es glücklicherweise immer noch häufig gibt, mittlerweile als leichtgläubig abgetan.

Alle Gruppierungen am rechten Rand konnten diese Ereignisse ein Jahr lang für ihre Propaganda wunderbar nutzen und werden es auch weiterhin tun. Man hatte ein Jahr lang allen Grund, sich über Muslime und den Islam aufzuregen und sie als das Feindbild schlechthin zu betrachten. Solange, bis sie nun durch den Anschlag in Berlin einen weiteren Grund geliefert bekommen haben, uns wahrscheinlich ein weiteres Jahr mit ihrer Propaganda zu behelligen.