Im zweiten Teil werden nun vier grundlegende Merkmale des kurzsichtigen Denkens heranführen.

1. Die unbeabsichtigten Konsequenzen

Für dieses Phänomen gibt es zahllose Beispiele aus der Geschichte. Es ist ein wichtiger Indikator in der Beurteilung unserer Ziele. Im Indien des 19. Jahrhunderts fanden die britischen Kolonialherren, dass es zu viele giftige Kobras in den Straßen Delhis gab, die das Leben der britischen Einwohner und ihrer Familien bedrohten. Um dieses Problem zu lösen, boten sie für jede tote Kobra, die die Einwohner abgaben, eine Belohnung. Bald fingen geschäftstüchtige Einheimische an, Kobras zu züchten und von den Einnahmen zu leben. Als die Regierung davon erfuhr, strich sie das Programm wieder. Die Züchter, die den Kolonialherren diese Maßnahme Übel nahmen, beschlossen daraufhin, ihre Kobras freizulassen, wodurch sich die Anzahl der Giftschlangen im Vergleich zu Beginn der Kampagne verdreifachte.

Ein weiteres eindeutiges Beispiel ist der 18. Verfassungszusatz, den die USA 1920 einführte, um damit die Verbreitung des Alkoholismus einzudämmen. Doch wurde damit das genaue Gegenteil bewirkt. Al Capone stieg zum mächtigsten Manne im Untergrund auf und es wurde ein massiver Anstieg des Alkoholkonsums verzeichnet. Im alten Rom befürchtete eine Gruppe von Männern, die der Republik treu ergeben waren, dass Julius Cäsar seine Diktatur festigen und eine Monarchie errichten würde. Sie beschlossen daher ihn zu ermorden und dadurch die Republik zu schützen. Im darauffolgenden Chaos gelangte Cäsars Großneffe schnell an die Spitze der Macht und setzte der Republik dauerhaft ein Ende, indem er eine Diktatur (Monarchie) etablierte. Nach Cäsars Tod stellte sich heraus, dass es nie seine Absicht gewesen war, ein Königreich zu gründen. Die Verschwörer hatten genau das geschaffen, was sie eigentlich hatten verhindern wollen.

Auch kann man hier einige politische Entscheidungen des osmanischen Staates heranziehen, die Mitte des 19. Jahrhunderts die Gesetze des sogenannten „internationalen Rechts“ der europäischen Staaten adoptierten, um seine Stellung in der Welt zu etablieren. Auch hier traf das Gegenteil ein, es war vielmehr der erste Schritt in die Bedeutungslosigkeit auf der politischen Weltbühne.

Es lassen sich aber auch weniger weltpolitische Beispiele aus unserem Alltag finden. Wir versuchen unseren kleinen Bruder oder Sohn zu disziplinieren, indem wir sein Verhalten einschränken, was aber dazu führt, dass er umso aufsässiger und launischer wird. Wir versuchen einer depressiven Person Mut zu sprechen, stellen jedoch fest, dass sich sein Gemütszustand durch einfache Plattitüden nur verschlechtert. Ein Mann versucht, mit seiner Frau ein Gespräch zu führen. In der Hoffnung, dadurch eine innigere Beziehung zu schaffen, fragt er sie, was sie denkt, wie ihre Meinung zu dieses und jenes ist. Der Stil, wie kommuniziert wurde, war nicht überlegt genug. Sie fasst seine Fragen als Übergriffigkeit auf und verschließt sich noch mehr. Die Quelle hierfür ist relativ einfach: etwas in der Realität alarmiert uns und wir suchen händeringend nach einer Lösung, ohne genauer über den Kontext, die Wurzeln des Problems und die möglichen unbeabsichtigten Folgen nachzudenken, die daraus resultieren könnten. Oft reagieren wir statt nachzudenken, daher basieren unsere Handlungen auf unzureichende Informationen.

Die Einwohner Delhis verachteten die Kolonialherren und nahmen es ihnen übel, als sie plötzlich Geld verloren, Cäsar hatte gar nicht geplant, eine Monarchie zu gründen, der osmanische Staat wollte sich nicht seiner islamischen Außenpolitik berauben. Jedoch führt eine verzerrte Perspektive zu allen möglichen Effekten. In all diesen Fällen hätte der Aufstieg auf den Berg die möglichen negativen Konsequenzen aufgezeigt, die rückblickend völlig einleuchtend erscheinen.

Bei großen Firmen ist es daher üblich, dass sie externe Berater haben, die nur damit beauftragt sind, die möglichen Konsequenzen einer Strategie oder Handlung, mit einer gewissen Distanz, zu analysieren. Wie ein Schachspieler sollten stets mehrere Züge vorausgedacht werden und sich die Folgen des Tuns vor Augen führen, soweit das möglich ist.

2. Taktische Sackgasse

Eine weiteres Indiz der Kurzsichtigkeit ist es, das Ziel vor den Augen zu verlieren. Das zeichnet sich dadurch aus, dass man sich in zahlreichen Kämpfen oder Scharmützel verwickelt. Es scheint so, als ob man sich nicht vom Fleck bewegt, jedoch ist das Gefühl vorhanden, dass man bereits so viel Zeit und Energie investiert hat, dass es eine unglaubliche Verschwendung wäre, jetzt aufzugeben. Beispiele hierfür in der Vergangenheit sind der amerikanische Einmarsch in den Vietnam. Ganze 20 Jahre hat dieser Krieg gedauert und jegliche Reserven der USA gekostet. Den Russen ist eine ähnliche Katastrophe ereilt, nämlich der Angriff der Sowjetunion 1979 auf Afghanistan, aus dem sie sich schließlich nicht erholen konnten. In diesem Krieg, den sogar die US-Amerikaner provozierten und davon sprachen, dass Afghanistan für die Russen das Vietnam der USA sein werde, wo selbst der damalige Sicherheitsberater des Präsidenten Jimmy Carter, Brezinski, nach Afghanistan reiste, um den afghanischen Kämpfern Mut zu sprechen. Trotz all dieser Kenntnisse, Informationen und Warnsignale haben sich die Russen darauf eingelassen. Sie haben ihren Fokus bzw. ihr wesentliches Ziel vor den Augen verloren. Vielmehr ging es hier sich selbst zu beweisen, dass sie nicht wie die Amerikaner seien, und dass es eben nicht zum zweiten Vietnam kommt. Der Afghanistankrieg jedoch und seine enormen Kosten beschleunigten den Prozess des Niedergangs, der schließlich zur Auflösung der Sowjetunion führte.

Oft sehen wir diese Dynamik auch in Ehestreitigkeiten. Es geht nicht mehr darum, die Beziehung zu verbessern oder eine Lösung zu finden, sondern darum, die eigene Meinung durchzusetzen. Oder man diskutiert mit einem muslimischen Glaubensbruder nicht mehr, um Allahs Zufriedenheit und die Wahrheit herauszufinden, sondern um seine eigene Meinung durchzusetzen.

Wenn man in solchen Grabenkämpfen gefangen ist, sich rechtfertigt und kleinlich wird, ist das ein beinahe sicheres Zeichen dafür, dass man in einer taktischen Sackgasse festsitzt. Allah hat den Menschen ausgezeichnet, sodass er fähig ist, mehrere Schritte vorauszudenken, um seinen Zielen näher zu kommen. Doch in diesem Zustand der Sturheit reagieren wir lediglich auf die Aktionen dieser oder jener Person. Wir lassen uns von Emotionen einnehmen und drehen uns im Kreis oder verfehlen komplett unser Ziel.

3. Geradlinigkeit

Ein weiterer Punkt, in der Durchsetzung seiner Ziele, ist die Entschlossenheit bei der Umsetzung, nachdem eine gründliche Analyse vollzogen wurde. Der Prophet selbst ist für uns dahingehend das beste Beispiel, er zeigte seine Entschlossenheit und seinen Willen in der Umsetzung seiner Ziele. So heißt es in einem Ausspruch des Propheten (saw) auch treffend:

„Es ziemt sich nicht für einen Propheten‚ wenn er seine Rüstung einmal angelegt hat, diese wieder auszuziehen, noch bevor er gekämpft hat.“ (Quelle: Ibn Ishaq/b. Hisam, III, 68. Ähnlich: b. Saed, ebd – Bei Buchari (Itisam 28 – IV,-443) heißt der letzte Teilsatz hingegen:“ ..bis Gott entschieden hat“

Menschen neigen dazu, auf positive oder negative Veränderungen in der Realität zu reagieren. Sie lassen sich von jeder Information beeinflussen und können somit keine Entschlossenheit an den Tag bringen. Der Prophet (saw) war das beste Vorbild hierfür. Nehmen wir nur kurz die Grabenschlacht als Beispiel. Die Mekkaner hatten schon zwei Jahre zuvor, nach der Schlacht von Uhud, begonnen, sich auf einen Angriff auf Medina vorzubereiten und konnten dabei auf die Unterstützung mehrerer Stämme zählen. Am Ende hatten sie eine Armee von etwa 10.000 Mann. In dieser Zeit kamen ständig neue Informationen: die Judenstämme hatten heimlich ein Abkommen mit den Quraisch aus Mekka abgeschlossen, viele arabische Stämme wurden aufsässig gegenüber dem Propheten (saw), umliegende Stämme mit denen der islamische Staat Verträge hatte, wurden hinterrücks aufgelöst. Aufgrund der zahlreichen neuen Informationen bereitete sich Angst und Schrecken unter den Muslimen aus. Der Prophet Muhammad (saw), dem etwa 3.000 Mann zur Verfügung standen, ließ sich von alldem nicht beirren, denn er hatte seine Vorkehrungen getroffen und war entschlossen. Er hatte unter anderem das Getreide im Norden der Oase schon abgeerntet, sodass bei ihrer Ankunft das Viehfutter für die mekkanische Kavallerie schnell knapp wurde, bereitete den Graben vor und wartete geradlinig auf die Feinde.

Die den muslimischen Truppen eigentlich überlegene mekkanische Kavallerie wurde beim Versuch, den Graben zu überqueren, zurückgedrängt. Einen Angriff mit ihrer Infanterie schienen die Angreifer aufgrund der Erfahrung aus früheren Schlachten mit den Muslimen gemieden zu haben. Da ihre Hauptangriffsstrategie dadurch zunichte gemacht worden war, begannen die Quraisch und ihre Verbündeten Medina zu belagern, worin sie allerdings gänzlich unerfahren waren. Nach zwei Wochen ohne größere militärische Aktivität wurde die Belagerung beendet, nachdem die Konföderation aufgelöst worden war.

Das Scheitern des Angriffs stärkte die Position des Propheten Muhammads (saw) in Medina enorm und führte zu einer Niedergeschlagenheit der Gegner in Mekka. Seine Geradlinigkeit und Entschlossenheit hatten sich durchgesetzt. Ähnlich war es beim Vertrag von al-Hudaibiya, als Omar (ra) zum Propheten (saw) ging und auf ihn einredete. Die Entschlossenheit des Propheten (saw) blieb jedoch durch diese Worte unbeeinträchtigt. Er sagte zu Omar (ra):

Ich bin der Diener Allahs und sein Gesandter. Niemals werde ich Seinem Befehl zuwiderhandeln, und niemals wird Er mich preisgeben.“ (Quelle Ibn Hisham. ibid, Volume 3. p. 331.)

Wenn wir es mit einem Problem oder Hindernis zu tun haben, sollten wir seinem Beispiel folgen. Wir müssen eine klare Vorstellung von unsren Zielen haben und wissen, wie wir diese mit den Problemen der Gemeinschaft verknüpfen können, anhand derer wir dann unsere Entscheidungen treffen. Eine solche Klarheit erlaubt es uns, den ständigen emotionalen Überreaktionen standzuhalten und eine dem Muslim gebührende (politische) Weitsicht an den Tag zu legen.

4. Belanglosigkeit verzetteln

Ein anderes Anzeichen der Kurzsichtigkeit ist, dass man sich in Belanglosigkeit verzettelt. Es ist ein sicheres Zeichen dafür, dass man das Gespür für die Prioritäten und Ziele verloren hat.

Ein Musterbeispiel für dieses Syndrom aus der Geschichte kann hier die Kriegserklärung der Spanier im 16. Jahrhundert gegen die Osmanen erwähnt werden. Der damalige König Philip II. von Spanien brütete gerne über Unterlagen und wollte über alle Facetten der spanischen Regierung Bescheid wissen. Das gab ihm das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben, aber in Wirklichkeit führte seine Detailversessenheit nur dazu, dass er die Kontrolle verlor. Er befasste sich mit der Lage der Toiletten in seinem neuen Palast, sowie ihrem genauen Abstand zur Küche. Er verbrachte Tage damit, sich zu überlegen, wie bestimmte Mitglieder des Klerus angesprochen und vergütet werden sollten. Aber es gelang ihm nicht, den wichtigen Berichten über Spione und Fragen der Sicherheit die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken. Nachdem er zahlreiche Berichte über die osmanische Marine durchgearbeitet hatte, glaubte er als damalige Seemacht, dass sie eine große Schwäche besitzt, was ihn letztlich dazu bewog, dem osmanischen Staat den Krieg zu erklären. Doch er hatte sich verschätzt. Der Krieg zog sich über achtzehn Jahre hin, der osmanische Staat hatte zwar keine starke Marine, dafür eine umso stärkere Infanterie. Den Berichten seiner Berater nahm Philip II. nicht zu Kenntnis und musste so einen harten Preis zahlen.

Eine ähnliche Situation ergab sich auch in Bezug auf England. Philip der II. las jeden Bericht über die englische Marine, jedes noch so kleine Detail über Finanzen und die Küstenverteidigung der Engländer. Auf Grundlage jahrelanger Analyse beschloss er 1588, seine Kriegsschiffe nach England aufbrechen zu lassen und war sich sicher, dass Spanien siegreich aus der Schlacht hervorgehen würde, weil die Kriegsflotte groß genug war. Doch er versäumte es, die Wetterberichte mit ausreichender Aufmerksamkeit zu lesen, obwohl gerade das Wetter der kritische Faktor ist, weil sich Stürme auf See fatal auswirken können. Obwohl er also extrem detailverliebt war, hatte er nie wirklich den Überblick über die tatsächliche Lage, weder im Krieg gegen die Muslime, noch beim Angriff auf die Engländer. Durch die eingeschränkte Denkweise führte er das spanische Reich nach kurzem Aufstieg wieder in die Bedeutungslosigkeit. Die Unterscheidung zwischen wichtig und Wichtigem und eine klare Priorisierung der Informationen wurde seitens des spanischen Königs verfehlt. Seine begrenzte Aufmerksamkeit schaffte er nicht richtig zu kategorisieren.

In der heutigen Zeit, wo alle Informationen sofort abrufbar sind, hat der Mensch einen Drang entwickelt, alles sofort wissen zu wollen. Ständig erleben wir eine Welle von Informationen, auch solche die uns und unseren Zielen zuwider sind. Wir verarbeiten diese Informationen, ohne Prioritäten zu setzen und zu überlegen, was wirklich wichtig ist. Diese Zeit scheinen wir auch nicht mehr zu haben. Aber unser Gehirn hat Kapazitätsgrenzen. Wenn wir zu viele Informationen aufnehmen, führt das zu mentaler Erschöpfung, wodurch Verwirrung und eine falsche Bewertung entstehen kann. Daher braucht der politisch weitsichtige Muslim einen geistigen Filter, der auf Prioritäten und Zielen beruht. Sobald dies im Klaren ist, wird es uns helfen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Dies ist nicht zu unterschätzen, denn multinationale Großkonzerne beauftragen Mitarbeiter, um Informationen zu sammeln, auszuwerten und vor allem um sie für die Führung zu filtern.

Die Vergangenheit, besonders das letzte Jahrhundert, ist geprägt vom Versagen der politischen Weitsicht. Unzählige Beispiele finden wir wieder: die Wahl von Bush im Jahr 2000 gegen Al Gore ist ein Paradebeispiel und ein Armutszeugnis zugleich. Es ist bekannt, dass Bush die Wahl unter anderem mit den Stimmen der Muslime gewann. Bush plädierte im Vorfeld für ein Iftar-Essen im weißen Haus, setzte symbolisch ein Koran in die Bibliothek des weißen Hauses hinzu und machte weitere fadenscheinige Aktionen. Das Resultat: 72% der Muslime wählten Bush und der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt. 

Das Gleiche passierte im Jahr 2008 mit Obama. Als Hoffnungsträger von den Muslimen tituliert, war er einer der größten Kriegstreiber. Auch hier unterstützten ihn die Muslime zu 85% mit ihren Stimmen.

Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete, dass der Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm, sagte:

„Der Gläubige darf nicht vom selben Loch zweimal gestochen werden!“ (al-Buchari). Zum Glauben gehört, dass man die schlechte Erfahrung nur einmal macht, aus Schaden lernt und sich so klug verhält, dass man sich nicht von derselben Gefahrenquelle weitere Schäden zufügt.

Wir sollten dem Beispiel unseres Propheten folgen und bitten Allah, dass er unsere Sünden verzeiht.

„O ihr, die ihr glaubt, hört auf Allah und den Gesandten, wenn er euch zu etwas aufruft, das euch Leben verleiht, und wisst, dass Allah zwischen den Menschen und sein Herz tritt, und dass ihr vor Ihm versammelt werdet.“ (8:24)