Der Syrienkonflikt ist eine der größten Katastrophen von heute. Die Bilanz von nun mehr als 5 Jahren Krieg in Syrien: Eine halbe Millionen Tote und bis zu 11 Millionen Vertriebene innerhalb und außerhalb Syriens. Die USA, Russland, China, Europa, die Türkei, der Iran, Saudi Arabien und die Golfstaaten; sie alle mischen mehr oder weniger mit. Neben diesen Akteuren kommen der sogenannte IS und unzählige andere Kriegsparteien hinzu. Für viele scheint die Lage stark verworren zu sein. Doch unabhängig von spezifischen Details gibt es Aspekte, die jedem Muslim in Bezug auf die Syrienkrise klar sein sollten.

Die Außenpolitik des kapitalistischen Westens

Egal ob Europa, Russland oder die Vereinigten Staaten, es sind allesamt kapitalistische Weltmächte. Der Handlungsmaßstab einer kapitalistischen Macht ist der Profit- und Nutzengedanke. Es geht einzig und alleine darum, die eigenen wirtschaftlichen, politischen und geostrategischen Interessen durchzusetzen. Altruistische Leitmotive haben auf der Weltbühne für einen kapitalistischen Staat nichts zu suchen.

Diese Tatsache sollte der Umma endlich bewusst werden, denn über 200 Jahre westliche Außenpolitik in der islamischen Welt haben nur Negatives mit sich gebracht. Man hat die islamische Welt gemäß dem Prinzip „divide et impera“ (Teile und Herrsche) aufgeteilt und dem Joch des Kapitalismus unterworfen. Man hat Nationalstaaten auf abstrusen künstlichen Identitäten geschaffen, die historisch nicht ableitbar sind.

Und dennoch gibt es Muslime, die ihre Hilfe beim Westen suchen, obwohl klar ist, dass eine kapitalistische Weltmacht nur die Verwirklichung eigener Interessen im Sinn hat. Gerade was Syrien betrifft, sollte es nach mehr als fünf Jahren klar werden. Es bedarf keines Studiums der Politikwissenschaft, um die Situation in Syrien grob einschätzen zu können: Es geht dem Westen nicht um die Interessen des syrischen Volkes oder die Interessen der Muslime.

Das Hauptproblem des Westens

Die größte Furcht des Westens ist die aus seiner Sicht „islamistische“ Opposition. Denn diese hat sich zum Ziel gesetzt, das Assadregime und sein System zu entwurzeln und den Islam als politisches System einzuführen. Was die Opposition betrifft, so ist hier freilich nicht der sogenannte IS gemeint, der mehr die islamische Opposition bekämpft als Assad. Genauso wenig geht es lediglich um Al Qaida nahe Ableger, vielmehr geht es um andere einflussreiche Akteure der Opposition. Denn auch der Westen ist sich inzwischen bewusst, dass die Mehrheit der Opposition für die Einführung des Islam als politisches System ist.

Sollte die Opposition dies vollbringen und einen wahren islamischen Staat errichten, der die Wiederaufnahme der islamischen Lebensweise gewährleistet, würde der politische, wirtschaftliche und geostrategische Einfluss des Westens in der MENA-Region (MENA= Middle East and North Africa) verloren gehen. Solch ein islamischer Staat in Syrien wird einen Dominoeffekt in den umliegenden Staaten auslösen, so dass ein künstliches Gebilde samt dessen Unrechtsregime nach dem anderen umfallen und Teil des vereinenden Staats werden würden.

Würde dies passieren, so würde sich die Region aus der westlich kapitalistischen Vormachtstellung befreien. Der Westen könnte seine außenpolitischen Interessen nicht mehr auf Kosten der dortigen Völker und Gebiete durchsetzen. Sollten sich sogar alle muslimischen Nationen zu einem islamischen Staat in der Region vereinen, würde die westlich kapitalistische Weltordnung kollabieren. Der Westen weiß, dass der Islam das Potenzial hat, die Muslime basierend auf dem Islam zu vereinen und so eine ernstzunehmende Weltmacht entstehen könnte.

Darum ist das Assadregime wichtig für den Westen

Aufgrund der erwähnten Tatsachen ist dem Westen ein brutaler Tyrann lieber. Denn dieser Tyrann bekämpft jedes Bestreben nach politischer Selbstbestimmtheit. Und so hat man Assads Vater und Assad unterstützt und so lässt man Assad auch heute noch gewähren. Mit politischen Ablenkungsmanövern, wie dem Zuschieben des schwarzen Peters zu Russland, wird versucht, von der eigenen entscheidenden Rolle in diesem Konflikt abzulenken, um weiterhin einen längst verflogenen Schein von Moral aufrecht zu erhalten. Diese Muster findet man überall wieder. Hauptsache man verliert die Kontrolle in der Region nicht an diejenigen, die die Weltordnung selbstbestimmend umkrempeln wollen und sich vom Joch des kapitalistischen Westens befreien wollen.

Einmal mehr offenbart sich ein Tyrann im Nahen Osten als unverzichtbar für den kapitalistischen Westen. Und sollte der Tyrann nicht mehr brauchbar sein, entledigt man sich schnell seiner Person und tauscht ihn mit einem anderen Tyrannen aus. Es sollte klar sein, es geht nie um eine spezielle Person, sondern darum, einen tyrannischen Staatsapparat oder ein tyrannisches Regime aufrecht zu erhalten. So kann es dazu kommen, dass der Westen Assad plötzlich fallen lässt, jedoch sollte keiner denken, dass es dann politische Selbstbestimmtheit gibt.

Wie sollte der Muslim dem gegenüber stehen?

Das Bewertungskriterium des Muslims sollte immer das Streben nach dem Wohlgefallen Allahs sein. Alles, jede kleine und große Handlung, betrachtet der Muslim aus der Sicht, ob es einem Allah näher bringt. Dies bezieht sich nicht einfach nur auf Handlungen, wie etwa das Gebet und Fasten. Nein! Vielmehr bezieht sich das auf das gesamte Leben des Muslims. Ob individuell oder kollektiv, ob im Bereich der Wirtschaft oder der Politik, es geht immer darum, Allahs Wohlgefallen anzustreben.

So betrachtet der politisch bewusste Muslim auch den Syrienkrieg und alle anderen Kriege. Er betrachtet die Geschehnisse und den Gesamtzusammenhang aus der islamischen Perspektive und strebt danach, eine Veränderung gemäß dem Plane des Prophetentums herbeizuführen, mit der Absicht, Allah zufrieden zu stellen. Dies tut der Muslim, indem er sich für die Wiederaufnahme der islamischen Lebensweise in allen Lebensbereichen einsetzt.