Özil Metwo

Der Fall rund um Özil erhitzt die Gemüter. Seit Mitte Mai hatte kaum ein Thema so eine Medienpräsenz wie dieses. Niemand der sich nicht dazu geäußert oder eine Meinung dazu gehabt hätte. Es wurde heftig diskutiert und am letzten Wochenende kam nun der Höhepunkt:
Der DFB-Spieler verlässt das Team. Es werden von allen Seiten schwere Vorwürfe hin und her geschmissen. Doch was zeigt uns diese Debatte über das gesamtgesellschaftliche Gebilde in diesem Land auf und wie hätte sich Mesut Özil verhalten sollen? Schweigen oder reden? Fangen wir einmal von vorne an.

Am 14. Mai diesen Jahres haben die deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan ein Foto mit dem türkischen Staatschef Erdogan gemacht. Gerade für Özil ist dies doch eher Routine gewesen, da dieses Vorgehen in den letzten Jahren für ihn schon fast zu einer Tradition geworden ist. Doch dieses Jahr ist etwas anders. Es hagelt sofort Kritik von allen Seiten. Die Medien stürzen sich auf die beiden und fordern sofort Bekenntnisse zu deutschen Werten, Politiker wie Claudia Roth von den Grünen beschuldigt sie Wahlkampf betrieben zu haben und auch der DFB rund um Joachim Löw übt Kritik aus.

Am 19. Mai folgen dann die ersten Versuche die Öffentlichkeit zu beschwichtigen, zumal die beiden weiterhin im Kader der Nationalmannschaft geblieben sind. So treffen sie sich mit dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Doch dies bleibt vergeblich, die Fans pfeifen die beiden beim Testspiel gegen Österreich aus. Das zeigt Wirkung und Ilkay Gündogan erklärt sich am 05. Juni und versichert, dass er und Özil kein politisches Statement setzen wollten. Aber Özil schweigt.

Gündogans erklärende Worte zeigen keinerlei Wirkung. Am 08. Juni wird er vom deutschen Publikum bei einem Testspiel gegen Saudi-Arabien lautstark ausgepfiffen. Danach versucht der DFB das ganze Thema wochenlang für erledigt zu erklären, auch mit Hinblick auf die WM und die Konzentration, die die Mannschaft dafür braucht.
Als Deutschland aus der Gruppenphase ausscheidet, kippt die Stimmung völlig. Der Hass, vor allem gegen Özil, tritt offen zu Tage und für viele ist schon ein Schuldiger gefunden.

Özil berichtet hinterher was ihm so rund um die WM passiert sei. So habe ein deutscher Fan im Zuge des Schweden-Spiels zu ihm gesagt: „Verpiss dich, Özil, du scheiß Türkensau. Türkenschwein hau ab.“ Özil weiter: „Ich will gar nicht anfangen von den Hass-Mails, Droh-Anrufen und Kommentaren im Netz, die ich und meine Familie erhalten haben.“ Seit der Fotoveröffentlichung wurde aber auch Hass aus der Mitte der Gesellschaft offenkundig, so twitterte der Leiter des Deutschen Theaters in München, Werner Steer: „So einer wie Özil, der nicht nur einem Verbrecher huldigt, sondern auch noch die Nationalhymne nicht mitsingt, weil er die Werte nicht teilt, muss sofort weg.“ Einige Tage später: „Hallo du Idiot, du hast in der deutschen Nationalmannschaft nichts zu suchen. Verpiss dich nach Anatolien“. Auch postete Bernd Holzhauer von der SPD (!) schon am 19. Mai auf Facebook: „das vorläufige deutsche Aufgebot zur WM – 25 Deutsche und zwei Ziegenfi**er“.

Selbst einige, die als Akteure im Sport agieren, haben sich gegen Mesut Özil gewandt. Wobei gerade sie verstehen müssten, wie die Medien schon häufiger Dinge am Rande des Spielfeldes künstlich aufgebauscht haben, um Skandale zu kreieren. So haben u.a. Mario Basler, Stefan Effenberg und Uli Hoeneß sich allesamt gegen das Verhalten von Mesut Özil ausgesprochen. Hoeneß kritisierte, dass Özil schon „seit Jahren einen Dreck gespielt“ und keinen Zweikampf mehr gewonnen hätte, wohl wissend, in welchen Umständen er sich äußerte und dass dies faktisch falsch ist. Zu guter Letzt hat sich selbst der deutsche Außenminister Heiko Maas, ebenfalls von der SPD, eingeschaltet und u.a. gesagt, dass er nicht glaube, „dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs Auskunft gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland“. Altkanzler Schröder hat sich dann darüber beklagt, wie es denn sein könne, dass ein Außenminister solche „dumpfe Kommentare“ äußere.

Interessant diese Weitsicht mancher Mitglieder deutscher Parteien. So heizten gerade einige Politiker der Grünen und der SPD, Parteien, die bei den Muslimen häufig für Sympathie sorgen, der Debatte mächtig ein. Vor den nächsten Wahlkämpfen ist allerdings wieder zu erwarten, dass man versucht, den Muslimen Honig ums Maul zu schmieren. Doch wie lange geht dieser Tanz auf zwei Hochzeiten gut? Vielleicht sind sie ja diesmal zu weit gegangen.

Letzten Sonntag, am 22. Juli, hat Özil dann sein Schweigen mit einem Paukenschlag beendet: Er erklärte seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft. Schwere Vorwürfe wurden gegen DFB und Medien erhoben: „ […] also warum bin ich Deutsch-Türke? Ist es so, weil es die Türkei ist? Ist es so, weil ich ein Muslim bin?“ und weiter „In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren […]“ Auch kritisiert er die politische Propaganda, die sich von der eigentlichen Diskussion um das Foto schon längst gelöst hat: „Diese Leute haben mein Bild […] benutzt, ihre zuvor verborgenen rassistischen Tendenzen zum Ausdruck zu bringen, und das ist gefährlich für die Gesellschaft […]“

Wie hätte Özil handeln sollen?

Gehen wir die Optionen doch einmal durch. Was hätte Özil tun können? Natürlich hätte er einfach weiter schweigen und versuchen können, die Debatte im Sande verlaufen zu lassen. In diesem Fall hätte er sich seiner Rolle als Sündenbock für die verlorene WM hingegeben. Denn, auch wenn dies häufig nicht explizit ausgesprochen wurde, haben viele Medien doch versucht eine Milchmädchenrechnung als kausale Erklärung für die schlechten Leistungen der Mannschaft zu liefern: Özil macht Foto mit Erdogan – berechtigte Kritik wird geäußert – Mannschaft wird abgelenkt – es kann sich nicht genügend fokussiert werden – Deutschland verliert. Natürlich gäbe es auch die Möglichkeit, hätte Özil sich geweigert zu sprechen, dass der DFB Özil rausgeschmissen hätte oder die sanftere Art, man hätte ihn stillschweigend nicht mehr nominiert.

Auch hätte Mesut Özil sich äußern und ganz nach Vorbild seines Mannschaftskollegen Ilkay Gündogan beschwichtigende Worte wählen können. Auch er hätte erklären können, dass es doch alles nicht so sei, wie es rüberkam und dass solche Dinge nicht mehr vorkommen würden. Die Karte des Sündenbocks hätte er zwar durch die mediale Berichterstattung eingesteckt, doch hätte er wohl seinen Platz in der Nationalmannschaft behalten können.

Aber war das alles wirklich eine Option? Wäre es wert gewesen, den Rassismus der ihm entgegengebracht wurde zu verschweigen und damit faktisch zu tolerieren, nur um seine Karriere zu retten? Wie hat sich denn die Debatte um Mesut Özil durch sein Statement zum offenen Rassismus verändert?

Die Worte, die Mesut Özil in die Welt twitterte, werden der ganzen Debatte noch eine Weile nachhallen. Nachdem er sprach, haben viele Menschen sich mit ihm solidarisiert. Es wurde der Finger nun in die richtige Wunde gelegt. Die Geschmacksdebatte, ob das Foto nun in Ordnung war oder nicht, war schon längst überwunden. Es ging schlichtweg um Rassismus und man nahm das Bild als passende Gelegenheit, diesen zu rechtfertigen. Wenn es wirklich darum ginge, autokratische Staatsführer und jegliche Art Kollaboration mit ihnen zu kritisieren, dann wäre Özil der letzte, über den man reden müsste. Die Bundesregierung selbst unterhält Verträge mit der Türkei. Die WM hat wohl bemerkt in Russland stattgefunden. Der DFB sagt dazu: „Wir setzen auf Dialog, nicht auf Boykott“, im Zuge der Özil-Debatte hieß es aber: „Der Fußball und der DFB stehen für Werte, die von Herrn Erdogan nicht ausreichend beachtet werden.“ Was denn nun, reden oder boykottieren? Dass diese widersprüchlichen Äußerungen damit zusammenhängen, dass man sich einem politischen Pragmatismus unterworfen hat ist klar, doch kann man gerade deswegen diese als stellvertretend für viele Gesellschaftsteile verstehen.

Und die Medien? Diese befeuerten die ganze Debatte. Ist denn die politische Meinung eines einzelnen so wichtig, dass man sie auf diese Weise in der Öffentlichkeit diskutieren muss, selbst wenn es sich um einen Repräsentanten des deutschen Fußballs handelt? Ist es wert dafür die offen rassistischen Positionen weiter zu füttern?

Man muss sich das einmal vorstellen, Özil wird aufgrund seiner Herkunft und / oder seiner Überzeugungen in aller Öffentlichkeit auf das übelste beleidigt und die breite Bevölkerung interessiert es nicht. Oder trauen sie sich nicht ihre Stimme zu erheben? Nur wenige aus der Mehrheitsgesellschaft und gerade bekannte Persönlichkeiten oder Fussballerkollegen haben geschwiegen, anstatt vehement gegen Rassismus und Diskriminierung Position zu beziehen.
Von den einschlägigen Medien und Politikern sowie von den sogenannten Prominenten wird dann auch noch in herrischem Ton gefordert, dass man sich zu deutschen Werten bekennen müsse. Gehört Rassismus auch dazu? Was kommt als nächstes? Soll man sich zu den deutschen Genen bekennen, auch wenn diese nicht die eigenen sind? Merkwürdig, dass die Forderung sich zu diesen Werten zu bekennen permanent an Muslime gerichtet wird. Denn so wie sich die Aussagen hochgeschaukelt haben, sieht es eher danach aus, dass der Rechtsruck in Deutschland und Europa zu einem massiven Werteverlust führt.

Rassismus sollte niemals das Problem desjenigen sein, der diskriminiert wird. Rassismus muss immer das Problem des Täters sein. Der Rassist wird niemals zufrieden sein mit der Handlung des „Anderen“. Da kann man sich noch so sehr verändern, denn die eigenen Handlungen und Werte, sind nur Rechtfertigungen für seinen Hass, eigentlich geht es ihm aber um das Anderssein, doch dies kann man nicht einfach ablegen. Wenn der Diskurs mit solcher Missgunst durchtränkt ist, dann müssen wir diejenigen anprangern, die dafür gesorgt haben und nicht denjenigen, die angegriffen werden, erzählen, dass sie sich ändern müssen.

Hätte Özil geschwiegen wäre der hiesigen Gesellschaft und gerade uns als muslimische Community das Ausmaß dieser Zäsur wohl nie richtig ins Bewusstsein gerufen worden und es wäre so weiter gegangen wie bisher. Es darf aber nicht so weitergehen wie bisher. Zu groß ist die Gefahr einer Eskalation. Beschwichtigendes Duckmäusertum hat nicht nur islamisch gesehen keine Daseinsberechtigung, sondern die Realität zeigt uns immer wieder aufs Neue, dass so ein Verhalten unklug ist. Man sollte sich für ein harmonisches und gutes Zusammenleben einsetzen. Dies geht aber nicht, wenn man offenen Hass aus der Mitte der Gesellschaft einfach überhören möchte. Wenn sogar ein Özil so abgesägt werden kann, wie ist dann das Schicksal eines „gewöhnlichen“ Muslims, der wegen seiner Ansichten in Ungnade fällt. Schon jetzt will laut einer Allensbach-Studie jeder Dritte Deutsche keine Muslime als Nachbarn haben und jeder Vierte schätzt die Muslime als „machthungrig“ ein. Man muss an der richtigen Stelle mit den richtigen Mitteln, den konstruktiven Diskurs und den konstruktiven Konflikt suchen, um, wie wir dies auch in dieser Debatte gesehen haben, den Finger in die richtige Wunde zu legen. Daher stände es uns Muslimen gut zu Gesicht, wenn wir eine gute Portion Selbstvertrauen an den Tag legen. Einige bekannte und viele unbekannte Muslime machen es vor. Denn Schweigen ist eben nicht immer Gold.