Hätte man vor 50 Jahren, als das Ankommen der türkischstämmigen Arbeiterfamilien in Deutschland auf Hochtouren lief, die Menschen gefragt, was sie meinen, welche Konfliktpotenziale sich aus dieser für Deutschland neuen Situation ergeben könnten, wären die Antworten sicher interessant gewesen. Die meisten hätten wahrscheinlich mit den Schultern gezuckt und nicht verstanden, wovon man redet. An eine Sache hätte aber garantiert niemand gedacht, etwas völlig abwegiges, absurdes, ja lächerliches: das Kopftuch.

Dieses Stück Stoff, welches mittlerweile so unglaublich politisch aufgeladen ist, wurde damals höchstens als kulturelle Eigenart abgetan. Erst in den 90er Jahren kam es dann dazu, dass aus dem Tuch auf den Köpfen der Frauen ein Thema gemacht wurde, über das man diskutierte. Es kam zu Streitereien bezüglich des Tragen des Kopftuchs im Sport- und Schwimmunterricht. Eine Debatte, die sich bis heute nur verschlimmerte und wohl mittlerweile jeden nervt, egal ob Muslim oder nicht. Dabei gäbe es so viel Wichtiges zu besprechen, warum redet man nicht über Probleme, die auch welche sind? Oder möchte man nicht?

Der Verdacht liegt zumindest nahe, denn Probleme gibt es genug in Europa und Deutschland. Ungeklärte und instabile wirtschaftliche Situationen, ausufernde rechte Gewalt und Hetze, Probleme in sozialen Strukturen, wie die Altersarmut und vieles mehr. Aber ist es denn wirklich eine Alternative zum wirklichen Lösen von Problemen, dass man das Kopftuch einfach als Ventil für die aufgestauten Ängste und Aggressionen in der Bevölkerung benutzt, sich aber nicht mit eigentlichen Problemen beschäftigt?

Zumindest hat es eine Reihe von Vorteilen gebracht. Man konnte auf den Zug der sowieso schon ausländerfeindlichen Stimmung aufspringen und durch das Breitschlagen dieses Themas auf Stimmenfang bei den aufsteigenden rechten Parteien gehen. Der Nebeneffekt war natürlich, dass man rechtes Gedankengut bekräftigte und man die Muslime in einen inneren Konflikt drängte, da sich einige dazu genötigt sahen, aus eindeutigen Angelegenheiten des Islam, wie dem Kopftuch, zu versuchen, Mehrdeutigkeiten zu machen. Natürlich benutzte man dann die Situation, um die Muslime in „moderat“ und „radikal“ einzuteilen. Labels, die man von außen den Muslimen auflegte.

Mal abgesehen von der Tatsache, dass das Kopftuch einen eindeutigen Platz im Islam als eine Pflicht hat, ist dieser Versuch, das Kopftuch zu entwerten, ein Angriff auf den ganzen Islam und die islamische Identität.

Doch die Situation sieht grundsätzlich anders aus als aussichtslos. Denn das einzige, was den Muslimen hier in diesen Ländern, auch wenn sie eine Minderheit darstellen, im Wege steht auch eigene Interessen durchzusetzen, sind höchstens innere Zwänge und ein Mangel an Vernetzung. Es ist schon lange nicht mehr so, dass die Muslime in diesem Land „nur“ Arbeiter sind. Mittlerweile sind unter uns Unternehmer, Geschäftsleute und Akademiker.

Doch dieses Potenzial wird nicht genutzt. Es benötigt ein Bewusstsein darüber, dass wir Muslime in Deutschland als Gemeinschaft agieren müssen, um unsere Identität zu bewahren. Es benötigt einen einheitlichen und klaren Standpunkt, auch in Fragen des Kopftuchs, dass wir niemals darauf verzichten werden und es benötigt Selbstvertrauen, Standfestigkeit und Zuversicht, genauso wie das Vertrauen auf Allah. Dann dürfte es kein großes Unterfangen sein, die Muslime in diesem Land produktiv zu vereinen und auch mit der Mehrheitsgesellschaft in einem guten Verhältnis zu leben. Man müsste nur den ersten Schritt setzen.